Bewegtes Baskenland

Eine typische Szene auf dem Dorfplatz: Zwei Spielende dreschen mit der Hand, einem Schläger oder der Cesta Punta, einem gebogenen Korb, auf kleine harte Gummibälle ein, die blitzschnell von Boden und Wänden zurückspringen. Mit der Verbreitung der kleinen Bälle – ein Produkt der sich im 19. Jahrhundert im Baskenland niederlassenden Gummiindustrie – gewann das moderne Pelota an Schnelligkeit und Risiko. Es gilt als baskischer Volksport und es ist wohl kein Ort im Baskenland zu finden, der ohne fronton, ein Pelota-Spielfeld, auskäme.
Der baskische Nationalismus bezieht sich auf eine lange Tradition des Widerstands gegen Okkupation und Zentralismus, beginnend bei den Auseinandersetzungen mit Römern, Westgoten, Franken und Arabern, die vergeblich versuchten, auch das Baskenland zu besetzen. Nicht zuletzt bot ihnen die Unzugänglichkeit der Berge Einhalt.
Die baskische Stammesgesellschaft basierte auf der Idee der Gleichrangigkeit aller. Entscheidungen wurden, so die Überlieferung, gemeinsam unter der Dorfeiche getroffen. Der hierarchisch organisierte Feudalismus scheiterte in weiten Teilen am baskischen Demokratieverständnis, dem gemäß Anführer gewählt und Herrschaftsansprüche nicht vererbt wurden. Nur teilweise und erst spät konnte sich das Adels- und Lehenswesen des Mittelalters im Baskenland etablieren. Aus dem Mittelalter resultierten die sogenannten »fueros«, von spanischen Königen verliehene Sonder- und spätere Gewohnheitsrechte, die den Baskinnen und Basken eine weitgehende Unabhängigkeit zusicherten. Sie beinhalteten zum Beispiel Steuerfreiheit gegenüber der spanischen Krone, Verbot von Folter, Selbstverwaltungsrechte und die Zusage, dass Basken nur im Baskenland ihren Militärdienst leisten mussten.
Die Tatsache, dass Frauen den Bauernhof führten und Männer bei der Heirat den Namen der Frau annahmen, sowie ein Erbrecht, das die Erstgeborenen begünstigte, ganz gleich ob Sohn oder Tochter, und jene Sonderregelung der katholischen Kirche, die es Baskinnen erlaubte, Messdienerinnen zu werden – all das prägte die Idee eines »baskischen Matriarchats«. Diese Einschätzung ist sicher mit Vorsicht zu genießen, scheint für Teilbereiche jedoch durchaus zuzutreffen.
Im früh und weitgehend industrialisierten Baskenland war die Bewegung der Arbeiterinnen und Arbeiter traditionell sehr stark. Die Baskinnen und Basken waren in ihrer großen Mehrheit – einschließlich des Bürgertums – republiktreu und besonders widerständig gegenüber dem faschistischen Zentralstaat. Von »Verräterprovinzen« war deshalb die Rede. Die vollständige Zerstörung der baskischen Stadt Gernika (Guernica) durch die deutsche Legion Condor am 26. April 1936 steht unter anderem für die Absicht, diesen Widerstand zu strafen und zu brechen. Gernika, die sogenannte »heilige Stadt«, war der Ort, an dem die spanischen Könige auf die Sonderrechte der Baskinnen und Basken schworen. Mit Gernika sollte auch das Symbol baskischer Eigenständigkeit vom Erdboden getilgt werden. Auf brutalste Weise erprobten die deutschen Faschisten hier die Strategie des totalen Kriegs – eine neue Dimension, die Zivilbevölkerung zu terrorisieren. Zwei Tage später eroberten Francos Truppen Gernika.
Viele Männer und Frauen unter anderem auch aus Spanien, dem Baskenland und Katalonien haben im Exil auf Seiten der Alliierten gegen die Nationalsozialisten und für die Befreiung Frankreichs gekämpft. Ab August 1944 machten sich die Maquis – die Widerstandsgruppen - bereit, von Frankreich aus den Faschismus in Spanien zu beenden und Franco zu stürzen. Im August 1944 waren das französische Baskenland und das Departement Bearn von deutschen Truppen befreit und wurden zunächst weitgehend von den Maquis kontrolliert. Von dort aus planten diese die Invasion von Nafarroa. Vergeblich hofften die Maquis, ihre Verbündeten würden sich anschließen und den militärischen Vorstoß unterstützen. Maqui-Führungsmitglied Victorio Vicuña erinnert sich: »Die Einbeziehung von ein oder zwei Divisionen der US-Armee sollte dazu führen, dass die Militärs Franco im Stich lassen. Das war unsere Fehleinschätzung, wir waren politisch leichtgläubig.« Sie unterschätzten den Einfluss des beginnenden Kalten Krieges auf die Außenpolitik der Alliierten.
Noch bis in die 1960er Jahre hinein versuchten die Maquis Guerillaschwerpunkte zu schaffen. 1959 gründeten Dissidenten der PNV (Partido Nacionalista Vasco – Baskisch Nationalistische Partei) die im Geheimen arbeitende Organisation ETA (Euskadi Ta Askatasuna - Baskenland und Freiheit), mit dem Ziel, das Euskara und baskische Traditionen zu bewahren. Als die ETA Anfang der 70er den bewaffneten Kampf aufnahm, galt sie international eher als bedeutende antifaschistische Widerstandsbewegung denn als nationale Befreiungsbewegung. Das Baskenland war eine der Regionen, in der sich der Widerstand gegen den Franco-Faschismus am entschiedensten artikulierte. Er fand seinen Ausdruck in zahlreichen Streiks und Aktionen. Nach Francos Tod 1975 blieben Verwaltung, Justiz, Polizei und Militär nahezu unberührt – der Franquismus dauerte an. Die historischen Erfahrungen waren prägend: bis heute steht der dominierende Teil der baskischen Unabhängigkeitsbewegung in der Tradition von Antifaschismus und sozialistischer Arbeiterbewegung und positioniert sich kritisch zu NATO, Zentralstaat und Monarchie.

Zweifelsohne: Land und Leute sind eine Reise wert. Wer gerne feiert und gut isst, kann sich hier schnell zuhause fühlen. Ein Teil des Rioja-Anbaugebiets liegt im südlichen Baskenland und einige der besten Köchinnen und Köche sorgen für die höchste Dichte an Michelin-Sternen. Der Sandstrand von Donostia (San Sebastián) lädt zum Verweilen ein. Direkt zurück ins Mittelalter scheinen die kleinen Gassen in der pittoresken Altstadt von Gasteiz (Vitoria) zu führen. Das Guggenheim-Museum in Bilbao (Foto) zählt zu den kulturellen Attraktionen.
Nach Francos Tod wurden die Hoffnungen der Baskinnen und Basken nach Unabhängigkeit durch die neue spanische Verfassung bitter enttäuscht. Laut Artikel 2 gilt die spanische Nation als unauflösliche Einheit. Die jahrzehntelangen Repressionen nach 1937, um jegliche baskische Selbstäußerung zu unterdrücken, sowie die personelle und strukturelle Kontinuität des Franquismus nach 1975 einerseits und das Festhalten des militanten Flügels der baskischen Unabhängigkeitsbewegung, der ETA, an bewaffneten Kampfformen andererseits haben in den letzten 30 Jahren eine dauerhafte Lösung des Konflikts immer wieder verhindert. Anschläge der ETA mit zahlreichen Toten, Morde der vom spanischen Staat beauftragten Todesschwadrone, der sogenannten »Antiterroristischen Befreiungsgruppen« (GAL), an wirklichen oder vermeintlichen ETA-Anhängern, wechselten sich einander ab.
Nach gescheiterten Versuchen früherer Regierungen kam es nach dem Regierungswechsel 2003 erneut zu direkten, wenn auch zaghaften, Kontakten zwischen den Konfliktparteien. Noch ist allerdings ein wirklicher Verhandlungsprozess nicht in Sicht. Ein Anschlag der ETA im Dezember 2006 enttäuschte viele Hoffnungen. Ein fortdauerndes Hindernis dürfte auch die Illegalisierung zivilgesellschaftlicher Organisationen im Baskenland und Verbote von Zeitungen der linken Unabhängigkeitsbewegung sein, auch solcher, die sich nicht mit den Aktionsformen der ETA identifizieren. Die Möglichkeiten, sich legal zu artikulieren und sich an einem politischen Diskussionsprozess jenseits gewaltförmiger Aktionen zu beteiligen, werden so immer wieder eingeschränkt. Eine Lösung, vergleichbar der in Nordirland, scheint noch nicht in greifbarer Nähe zu sein.