Die Bände
Karmele Jaio
Mutters Hände
Mit zusammengebissenen Zähnen hockt ein kleines Mädchen in einem aus Sand gebautem Schiff am Strand und blickt geradewegs dem Meer entgegen. Sie weiß, dass ihre Barkasse früher oder später ein Opfer der Flut werden wird. Aber die Kleine ist bereit, sie zu verteidigen.
Es ist ein Foto aus ihrer Kindheit, das Nerea betrachtet, während sie im Krankenhaus am Bett ihrer Mutter, Luisa Izagirre, sitzt. Diese wurde verwirrt auf der Straße aufgefunden und liegt seitdem, gewissermaßen in eine andere Welt versunken, zwischen den weißen Krankenhauslaken. Weder erkennt sie ihre Kinder noch erinnert sie sich an ihren eigenen Namen.
Nerea ist Journalistin, Mutter der kleinen Maialen und Ehefrau von Lewis, der ihrer Tochter vor dem Schlafengehen jeden Abend aus Alice im Wunderland vorliest. Ihren verschiedenen Rollen versucht sie gerecht zu werden, indem sie von einer zur anderen hetzt. Und dann gibt es noch Karlos, ihren früheren Freund, eine Geschichte aus der Vergangenheit, die sie immer noch mit sich herumträgt.
Die Krankheit ihrer Mutter bringt Nereas Leben völlig durcheinander. Von der aus Deutschland angereisten Tante Dolores erfährt Nerea, dass es im Leben ihrer Mutter Dinge gab, die diese stets für sich behalten hat. Und trotzdem (oder gerade deshalb) wird ihr bewusst, wie viele Parallelen es zwischen Mutter und Tochter gibt, zwei Frauen, die ganz andere Zeiten erlebt, ganz andere Erfahrungen gemacht haben.
Die Auseinandersetzung mit dem Leben und der Krankheit ihrer Mutter lässt Nerea viele Dinge ihres eigenen Lebens, ihres eigenen Weges in Frage stellen und aus einem anderen Blickwinkel betrachten.
Die Hände der Mutter, die einst am Strand Nereas Rücken mit Sonnenmilch eincremten, ihr Kinn hoben, ihr über die Stirn strichen, Hände, die jetzt regungslos auf der Decke des Krankenhausbettes liegen, sie bringen Nerea dazu, dem Meer erneut geradewegs entgegen zu blicken.