Die Bände
Edorta Jimenez
Der Lärm der Grillen
Während des Spanischen Bürgerkriegs arbeitete Uriarte als Agent der baskischen Regierung in Mundaka, einem kleinen Ort in der Provinz Bizkaia. Zur Zeit der Handlung in den 1990er Jahren lebt er zurückgezogen im französischen Baskenland.
Eines Tages erhält er Besuch von einem jüngeren Mann, der es versteht, mit Andeutungen das Interesse Uriartes zu wecken. Einerseits befürchtet Uriarte, sein Gast sei ein Spitzel der Polizei, andererseits drängt es ihn, endlich seine Geschichte – seine »Wahrheit« – zu erzählen. Aus anfänglicher Vorsicht und Skepsis erwächst nach und nach ein vertrauensvolles Band. In gemeinsamen Gesprächen erinnert sich Uriarte an längst Verdrängtes aus jener Zeit, als die franquistischen Truppen immer weiter vorrückten und Gernika vernichtet wurde. Er bricht schließlich mit dem Tabu, an den alten Wunden zu rühren.
Uriarte wie sein Besucher glauben, der jeweils andere sei im Besitz von Informationen über einen unbekannten Toten, der unlängst in Mundaka gefunden wurde. Ist er vielleicht jener baskische Agent »Gure Gizona«, zu deutsch »unser Mann«, den Uriarte damals hatte retten sollen?
Uriarte war während des Krieges zudem beauftragt, das Tun des Bürgermeisters Mallona zu durchleuchten. Der gläubige Katholik Mallona trieb aus Überzeugung und Loyalität gegenüber seinen Freunden ein doppeltes Spiel. Einerseits Mitglied der republiktreuen Baskischen Nationalistischen Partei PNV, verhalf er andererseits bedrohten Franquisten zur Flucht.
Während des Bürgerkriegs traf der lebensfrohe, politisch desillusionierte Haudegen Uriarte in den Küstenorten Bizkaias Menschen aller politischen Schattierungen, darunter historische Persönlichkeiten wie die Journalisten Robert Capa und George Steer. Uriarte verliebte sich in die mutige und unkonventionelle Elena, deren Mann zu der Zeit an der Front war. Unter dem Einfluss des Krieges fanden die gemeinsamen Treffen stets unter abenteuerlichen Bedingungen statt. Auch Elena, so wird Uriarte schließlich erfahren, hütet ein Geheimnis.
Uriartes Besucher, dessen Identität sich erst zum Ende des Romans enthüllen wird, sucht nach Antworten, nicht nach Schuldigen. Er will verstehen, was damals geschah. Auf dieser Suche ist Uriarte ihm ein guter Begleiter. Er weiß aus Erfahrung um die Vielschichtigkeit und Mehrdeutigkeit menschlicher Motive und Taten. Keine der Figuren ist eindeutig »Held« oder »Schurke«. Es ist der Krieg, der brutalisiert und entmenschlicht.
Der Roman trägt deutlich die Züge eines Krimis. Er rekurriert auf historische Ereignisse und Zusammenhänge, wie zum Beispiel die Rolle der Frauen im Spanischen Bürgerkrieg, die Folgen baskischer Militärstrategie, die ambivalente Haltung der PNV, die Zerstörung Gernikas, die abenteuerliche Flucht von Franquisten auf den deutschen Schiffen »Königsberg« und »Leipzig« oder die Evakuierung von Bilbo (Bilbao). Anschaulich wird die zum Teil aus umgerüsteten Fischerbooten bestehende »Seestreitmacht« der Republik und der baskischen Regierung beschrieben. Tatsächlich wurde 1996 in Mundaka bei Bauarbeiten neben der Kirche die Leiche eines Unbekannten gefunden. Historisch verbürgt, wenn auch bis zur Veröffentlichung des Romans im Baskenland weitgehend unbekannt, sind die Ereignisse um die Hinrichtung Mallonas. Mallona stand entsprechend der Linie seiner Partei treu zur Republik, versteckte aber auch Franquisten und Mitglieder der baskischen Oligarchie in seinem Haus, wie z. B. Angehörige der Industriellenfamilie Ybarra. Nachdem Bilbo gefallen war, sah er deshalb keine Veranlassung, so wie andere Amtsinhaber und Parteifreunde ins Exil zu gehen. Stattdessen kehrte er in seinen Heimatort Mundaka zurück. Wider sein Erwarten wurde er von der franquistischen Justiz als Funktionsträger der Republik angeklagt und zum Tode verurteilt.
Der Lärm der Grillen stelle eine »spannende Form, Geschichte zu erzählen« dar, urteilte die baskische Kritik. Um fiktive von historischen Personen zu unterscheiden, werden die Figuren im Anhang mit ihren authentischen Lebensdaten aufgelistet.